Fachkräftebedarf nach Branchen belegen: Der Fachkräftemangel-Index misst Knappheit in 32 Berufsgruppen jährlich.; 2025 liegt der Index 22 Prozent unter Vorjahreswert – Nachfrage dämpft sich.; Gesundheitsberufe und Ingenieure gehören zu den stärksten Engpässen in der Schweiz.
Bild: Branchenanalyse

Struktur und Beschäftigung

Fachkräftebedarf nach Branchen belegen: Indikatoren und Quellen

Der Schweizer Arbeitsmarkt zeigt trotz guter Gesamtlage deutliche Anzeichen von Fachkräftemangel – betroffen sind Branchen von Gesundheitsberufen bis zu Ingenieuren (WBF-Initiative 2011).

Warum Indikatoren und Quellen für den Fachkräftebedarf essenziell sind

Der Schweizer Arbeitsmarkt zeigt trotz guter Gesamtlage deutliche Anzeichen von Fachkräftemangel – betroffen sind Branchen von Gesundheitsberufen bis zu Ingenieuren (WBF-Initiative 2011). Ohne systematische Indikatoren bleiben Knappheiten aber Behauptungen. Die demografische Entwicklung in der Schweiz und in den Herkunftsländern qualifizierter Arbeitskräfte wird den Druck in den kommenden Jahren verstärken.

Das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) lancierte daher 2011 die Fachkräfteinitiative. Ziel ist es, das Potenzial der inländischen Arbeitskräfte besser zu nutzen. Dazu gehört ein Indikatorensystem, das Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit objektiv informiert und als Entscheidungsgrundlage dient.

Das Indikatorensystem des Bundes als Grundlage

Das vom WBF und Seco entwickelte Indikatorensystem beleuchtet verschiedene Formen und Aspekte des Fachkräftebedarfs quer über alle Berufe hinweg. Es erlaubt, besonders betroffene Berufsfelder zu identifizieren – beispielsweise Gesundheitsberufe, Ingenieure oder Informatikspezialisten. Das System dient dazu, die Diskussion zu versachlichen und Massnahmen gezielt auszurichten.

Die Indikatoren liefern Anhaltspunkte, wie das bestehende inländische Fachkräftepotenzial besser genutzt werden kann. Der Bund, die Kantone und die Sozialpartner leiten daraus konkrete Massnahmen ab, etwa zur Höherqualifizierung, zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder zur Förderung von Innovationen. Das System wird regelmässig aktualisiert und bildet die Basis für weitere Analysen.

Vorteile und Grenzen des Bundes-Indikatorensystems

  • VorteileObjektive Grundlage für Politik und Wirtschaft, Querschnittsüberblick über alle Berufe, regelmässige Aktualisierung
  • GrenzenBerücksichtigt nicht immer regionale Unterschiede, kann Strukturprobleme verdecken, keine direkte Aussage über Qualifikationslücken

Der Fachkräftemangel-Index: Quantifizierte Knappheit nach Branchen

Der Fachkräftemangel-Index der Adecco Gruppe Schweiz und des Stellenmarkt-Monitors der Universität Zürich misst jährlich die Knappheit in 32 Berufsgruppen. 2025 liegt der Index rund 22 Prozent unter dem Vorjahreswert – die wirtschaftliche Abkühlung dämpft die Nachfrage. Dennoch bleiben Spezialisten in Gesundheitsberufen (Fachärzte, Pflegefachkräfte) auf Rang 1. Nur noch vier Berufsgruppen gelten als mangelsbetroffen.

Parallel dazu erstellt die Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz (IHZ) einen regionalen Index für 100 Berufe. 2026 führen Ärztinnen/Ärzte und Elektroinstallateure die Rangliste an. Auch Krankenpflege- und Geburtshilfefachkräfte sowie Maschinenmechaniker liegen in den Top Ten. Der regionale Index zeigt Unterschiede zum gesamtschweizerischen Bild und hilft, lokale Engpässe zu erkennen.

Top 10 Berufsgruppen mit höchstem Fachkräftemangel in Zentralschweiz (2026)

  1. Elektroinstallateure2
  2. Krankenpflege- und Geburtshilfefachkräfte3

Gesamtschweizerischer vs. regionaler Fachkräftemangel-Index (2025)

  • 2025Gesamtschweizerischer Index — 22 % unter Vorjahreswert
  • 2026Regionale Rangliste (IHZ, ) — Ärztinnen/Ärzte führen die Liste an

Branchenspezifische Studien und Prognosen als Ergänzung

Die ICT-Berufsbildung Schweiz veröffentlicht regelmässig eine Studie zum ICT-Fachkräftebedarf. 2024 übten 266'000 Personen eine ICT-Tätigkeit aus – 68 Prozent mehr als 2010. Bis 2033 werden brutto 128'600 zusätzliche Fachkräfte benötigt, aber es bleibt eine Lücke von 54'400, die durch zusätzliche Ausbildung geschlossen werden müsste. Die Berufsbildung liefert 81 Prozent der ICT-Abschlüsse.

Für den Sozialbereich haben SAVOIRSOCIAL und SASSA 2024 eine umfassende Fachkräftestudie vorgelegt. 60 Prozent der Arbeitgeber erwarten in den nächsten fünf Jahren einen steigenden Bedarf. Über 60 Prozent der Mitarbeitenden haben einen formalen Abschluss im Sozialbereich, aber in der familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung arbeiten noch 40 Prozent ohne solchen Abschluss. Die Studien liefern konkrete Zahlen und Qualifikationsprofile.

Prognose für den ICT-Fachkräftebedarf bis 2033

  • Aktuelle ICT-Tätige (2024)266'000
  • Zusätzlicher Bedarf bis 2033128'600
  • Fehlender Bedarf nach Ausbildung54'400
  • Anteil der Abschlüsse durch Berufsbildung81 %

Quellenkritik und praktische Anwendung der Indikatoren

Kein einzelner Indikator deckt den Fachkräftemangel vollständig ab. Die Bundesindikatoren berücksichtigen sowohl Stellenmarktindikatoren als auch Deckungsgrade – also ob genügend qualifizierte Erwerbspersonen für die bestehenden Arbeitsplätze vorhanden sind. Wer den Bedarf nach Branchen belegen will, sollte daher mehrere Quellen kombinieren: das Indikatorensystem des Bundes für den Überblick, branchenspezifische Studien für Details und regionale Indizes für lokale Knappheiten.

Die Interpretation erfordert Sorgfalt: Ein hoher Indexwert kann auf echte Knappheit, aber auch auf Strukturprobleme hinweisen. Rückläufige Werte (wie 2025 bei Büro- und ICT-Berufen) können auf technologischen Wandel oder Konjunktur reagieren. Nutzer sollten die Methodik der jeweiligen Studie prüfen und die Daten zeitlich einordnen. Nur so lassen sich belastbare Aussagen treffen und Massnahmen ableiten.

Mehr aus Struktur und Beschäftigung